Ich möchte keine Cineastin mehr sein

Vor achteinhalb Monaten bin ich von Deutschlands Cineastenhauptstadt in ein kulturelles Niemandsland gezogen und seither geht es mir schlecht – also noch schlechter als vorher. Letztes Jahr war ich 61 mal im Kino, dieses bisher 5 mal. Das liegt am ohnehin ausschließlich gefälligen Filmprogramm der vier ansässigen Kinos, das selbstredend auch nur seltenst Originalversionen der Filme beinhaltet, die ich sehen möchte (und Synchronfassungen sind mir nun mal körperlich unmöglich geworden), aber auch an diesem Studium, das im Idealfall mehr Stunden als ein Vollzeitjob umfassen soll und damit wenig Zeit für anderes lässt (wobei die Semesterferien das natürlich ausgleichen, aber auch stets zu schnell vorbei sind). Wie sehr mir das zusetzt, merke ich besonders, wenn ich endlich mal wieder ins Kino gehen darf. Die Vorfreude davor ist groß und das befreite Gefühl danach noch größer. Das Filmsehen gehört nun schon so lange so selbstverständlich zu meinem Leben und zu meinem Wesen, dem Sinn meines Daseins, dass es nicht ohne Wunden einfach so brachial entfernt werden kann.

Aber diese Situation macht aus der Filmsichtung nicht nur eine seltene, besondere Freude, sondern auch geradezu eine Plage. Ich hinke unglaublich hinterher, meine Watchlist wächst nur noch, und so wird das Filmschauen in freien Minuten fast zur Pflicht, damit der Berg zumindest ein wenig abgetragen wird. Und dann habe ich auch an zukünftigen Filmen mehr Leid als Freud. Vorfreude ist einer der wichtigsten Antriebe für mich und lässt ansatzweise über die Gegenwart hinwegsehen. Man hechtet sich so von Vorfreude-Meilenstein zu Vorfreude-Meilenstein, und wenn man sonst nichts hat, dann werden Filme zu riesengroßen Vorfreude-Meilensteinen. Aber dazu gehört in diesen Zeiten auch das monatelange Bangen, ob ich den Film dann im Kino sehen kann, wenn ja, wo, ob ich mir die Fahrt dorthin leisten kann, wenn nein, wann und wo ich ihn sonst sehen kann. Wann wird sich Netflix erbarmen, ihn ins Programm zu nehmen? In einem Jahr, in zwei Jahren? Es ist die reinste Qual und gibt meinem Cineastentum ein ganz falsches Gefühl (bin ich selbst kaputt oder das System, wenn ich nach der Meldung, dass Macbeth nicht in zwei Wochen in zugfahriger Nähe im Kino gezeigt wird, sondern wohl erst in fünf Monaten und dann vielleicht unerreichbar fern, einen halben Tage heule?).

Ich weiß ehrlich nicht, wie ich das mir und euch noch zweieinhalb Jahre antun soll. Wie sehr ich das Kino brauche, merke ich jetzt, da es mir fehlt. Nie hätte ich gedacht, dass es sich so schlimm anfühlen würde. Und der Kinoentzug macht nicht nur einen Jammerlappen aus mir, sondern auch einen schlechten, missgünstigen Menschen. Das tut mir leid, aber es ist so schwer zu ändern.

Das Paradoxe ist jedoch: Ich brauche ja etwas, das mich gefangen hält, das mich vorantreibt, das mir Halt gibt und Ablenkung. Und ich kenne nichts anderes, was das so gut leistet wie der Film. Ich kann nicht ohne ihn, ich kann nicht mit ihm. Gelassenheit würde wohl helfen, aber gelassen bin ich bestenfalls bei Dingen, die mir egal sind. Wenn ich mein Herz an etwas hänge, dann vollständig, ganz oder gar nicht. Anders funktioniere ich nicht, anders macht es keinen Sinn für mich. Und gerade jetzt, da ich so labil bin, weil mich alles sehr anstrengt, mir die Energie raubt und die Lebenssituation mir nicht entspricht, ist Gelassenheit keine Option – nicht bei etwas, das mir so wichtig ist wie der Film. Und weil er so wichtig ist, bricht er mir gerade das Herz.

Deswegen möchte ich bitte die nächsten drei Jahre keine Cineastin mehr sein. Wo ist der Ausschaltknopf?

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