Jahresrückblick 2015

2015 war nicht so angenehm. Ich bin oft verzweifelt an meiner Filmleidenschaft, kämpfte gegen das langsame Internet, ignorante Kinoprogramme und die stets zu knappe Zeit und fuhr viel zu oft viel zu weite Strecken, weil ich nun mal keine fremde Stimme über einem vertrauten Gesicht quatschen hören mag. Tatsächlich war 2015 dadurch das erste Jahr, in dem ich keinen einzigen synchronisierten Film gesehen habe und es fühlt sich trotz aller Strapazen, die dadurch entstehen, richtig an.

Und nicht nur diese Gewissheit nehme ich mit, sondern auch einige Erkenntnisse über (Gruppen)Zwänge und Konsens, über mein Cineastsein, über das Cineastsein-im-Internet, über das, was mir Film bedeutet. Es stimmt schon: Erst wenn es einem genommen wird, kann man etwas aus der Distanz betrachten und seinen Wert einschätzen. Man sieht es an den Monatsrückblicken: Kaum Filme gesehen, trotzdem Erkenntnisse über Erkenntnisse. Das Jahr forderte mich als Cineastin heraus, und da diese Phase in frühestens zweieinhalb Jahren vorbei ist, bin ich sehr gespannt, wie sie mich dauerhaft prägt, was ich daraus mitnehme, wie ich danach Filme sehen werde.

Es hat etwas für sich, sich aus Hypes auszuklinken und Filme bewusster auszuwählen. Aber es hat eben auch etwas für sich, so viele Filme wie möglich zu sehen, weil sich im von der Kritik Marginalisierten die überraschenden Highlights verstecken können und weil es das Auge schult. Ich weiß nicht, was der richtige Weg ist. Wahrscheinlich gibt es keinen, sondern nur das eigene Wohlgefühl. Aber es schadet sicher nicht, beide Varianten zu testen.

  • gesehene Filme: 111
  • im Kino: 23
  • Erstsichtungen: 98
  • beendete Serienstaffeln: 19
  • beendete Bücher: 7

Überschaubare Zahlen. Trotzdem ragen einige Werke, Menschen und Genres besonders aus meinem medialen Jahr 2015 heraus:

Macbeth, North and South, Song of the Sea, Béla Tarr, Animationsfilme und – das darf nicht fehlen, auch wenn es hier im Blog nicht um Musik außerhalb von Filmen geht – Chelsea Wolfes Abyss.

Einige andere Sachen gab es da aber auch noch:

Macbeth2

Filme:

Ich habe 2015 nur zwei Filme pro Woche gesehen, war nur jede zweite Woche im Kino. Aber ist die Anzahl entscheidend, solange darunter ein Macbeth ist oder ein Song of the Sea – Filme, die mich mehr überwältigten und beschäftigten als 50 andere zusammen? 2015 war geprägt von Macbeth und es wird immer ein ganz besonderer Film für mich sein, mit der längsten Vorgeschichte und den größten Emotionen bereits im Vorfeld, aber dann auch viermal im Kino. Irgendwie ist er mit mir verbunden. Das hatte ich lange nicht bei einem Film.

Er ist auch ein gutes Beispiel für eine Vorliebe, die sich 2015 herauskristallisiert hat: Schön muss es sein! Die für mich wichtigsten Filme haben sich vor allem durch ihre Bilder, die beinahe alleine Aussage, Atmosphäre und Emotionen transportierten, eingebrannt. Kameramenschen sind meine neuen Helden (Adam Arkapaw *swoon*). Aber so hat sich auch ein neues filmisches Feindbild entwickelt: ästhetische Unansehnlichkeit. Ich werde mir in Zukunft insbesondere bei Animationsfilmen bereits vorher genau die ästhetische Strategie ansehen, bevor sie mich dann hinterher womöglich zwei Stunden lang im Kino quält. Film ist sinnlich wahrnehmbar und alles sinnlich Wahrnehmbare muss die Barriere des Geschmacks überwinden. Und so reibt es eben, wenn das Visuelle eines Films (seien es die Farben, die Oberflächen, die Gestaltung der Figuren oder auch Ausstattung und Kostüme) dem eigenen Geschmack nicht entspricht. Gerade Schönheit (ein wichtiges Attribut eines Films – gerade auch wenn es bewusst fehlt) ist ja nicht objektiv definierbar, bestenfalls stimmige Gestaltung.

Aber durch dieses Feindbild habe ich auch ein neues Faible gefunden: klassische Animationsfilme – die gezeichneten, gemalten, von Hand bewegten. Und das ist wunderbar, nicht nur, weil sie die beinahe letzte Bastion des Abstrakten und Experimentellen und dadurch Erstaunlichen im Film sind, sondern auch, weil es mir oft die Entscheidung abnimmt, ob ich einen Film sehen soll. Animationsfilme sind jetzt meine Aufgabe, Punkt.

XMenDaysofFuturePas7

Aber bevor ihr noch weiter runterscrollen müsst, schnell ein paar Listen:

Nackte Listen sind ja ein Verbrechen gegen die Komplexität der Filmerfahrung. Und ich habe versucht, zu jedem der schönsten und nachhaltigsten Filme, die ich 2015 gesehen habe, ein, zwei Sätze zu schreiben, die die Filme meiner Erinnerung gemäß auf den Punkt bringen. Aber ich fühle mich leergeschrieben. Es tut mir leid. Hinter den Klicks verbergen sich ja meine Gründe.

  • Macbeth (Justin Kurzel, 2015): Kino wie es leibt und lebt – spürbar in Hirn, Herz und Eingeweide (viszeral halt)
  • Song of the Sea (Die Melodie des Meeres – Tomm Moore, 2014)
  • Sátántangó (Satanstango – Béla Tarr, 1994)
  • La Jetée (Am Rande des Rollfelds – Chris Marker, 1962)
  • Nightcrawler (Dan Gilroy, 2014)
  • Turist (Höhere Gewalt – Ruben Östlund, 2014)
  • Calvary (Am Sonntag bist du tot – John Michael McDonagh, 2014)
  • Ain’t Them Bodies Saints (The Saints – Sie kannten kein Gesetz – David Lowery, 2013)
  • Slow West (John Maclean, 2015)
  • O Menino e o Mundo (Der Junge und die Welt – Alê Abreu, 2013)
  • Alice in Wonderland (Alice im Wunderland – Clyde Geronimi / Wilfred Jackson / Hamilton Luske, 1951)
  • Fétiche (The Mascot – Władysław Starewicz, 1933)

Leider habe ich auch viel zu wenige Filme ein zweites Mal gesehen. Trotzdem gab es ein paar schöne und nachhaltige Zweitsichtungen:

TheFallSeason2

Serien:

Auch Serien habe ich nicht viele geschafft und war leicht von zu viel Anspruch überfordert (wie weit ist es mit mir bekommen?). Aber vier Staffeln waren dabei, die tief gingen. Die kurzen britischen Serien hatten es mir offenbar angetan.

SongoftheSeaLighthouse

Was bleibt:

Pläne:

Für 2016 wünsche ich mir mehr Filme und einen Hauch mehr Gelassenheit. Aber ich weiß, dass ich nicht über den Dingen stehen kann – nicht, wenn ich meine lebenswichtige Vorfreude behalten will. Also jammere ich eben weiter. Und fahre durch die Republik, um Filme zu sehen und Filmbloggerkolleg_innen zu treffen. Und dann schreibe ich über JEDEN EINZELNEN Film etwas (nicht etwa wie 2015 7 auslassend). Das wird anstrengend. Und schön.

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